Dienstag, 31. Juli 2007

Bücher sind Lebensmittel. Juli.


Wieder mal viel gelesen diesen Monat.

Zum Beispiel endlich einmal die Wahlverwandtschaften unseres geliebten Meisters Johann-Wolfgang von Goethe. Ich bin froh, dass er den guten Eduard genauso wenig leiden konnte wie ich. Ein wunderbares Buch über den ewigen Streit zwischen Sollen und Wollen, Herz und Verstand - oder war es Anstand ? - und für seine 200 Jahre noch sehr jung.

Da meine SZ-Bibliothek immer noch in weiten Teilen unausgepackt und auch ungelesen im Regal steht, habe ich mir wieder einmal einen der dünneren Bände vorgenommen: von Peter Handke Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter. Eine eindrucksvolle Studie über einen Mann, der plötzlich psychisch gestört ist, mit seiner Umwelt nicht mehr zurecht kommt, und sogar einen Mord begeht. Steht unter starkem Literaturverdacht, kommt aber meines Erachtens schon sprachlich an Büchners Lenz nicht heran... Ich bevorzuge im Übrigen ja auch Bücher mit einer Handlung.

Als Geschenk erhielt ich Adolf Muschgl, Eikan du bist spät - es sei spannend, ganz toll geschrieben und hocherotisch. Hmmmja. Eher nein. Der reichlich egozentrierte Cellist, um den sich die Handlung dreht, hat zwar reichlich Sex, aber erotisch fand ich's nicht - eher langweilig. Die musikphilosophischen Abhandlungen gingen auch an mir vorbei. Die Beziehungen fand ich allesamt konstruiert, und das ganze Buch schien mehr sagen zu wollen, als es zu sagen hatte. Schon wieder Literatur, diesmal aber missglückt.

Da, wie mehrfach berichtet, Harry-Potter-Monat war, habe ich auch die Bände 1-6 noch einmal quer gelesen - und zwar größtenteils nach dem Erscheinen von Band Sieben, sozusagen um die Spurensuche aufzunehmen. Im Gegensatz zu Muschgl oder Handke versucht sich Frau Rowling dankenswerterweise an einem Plot, und auch wenn es einige unlogische Lücken in ihrer kleinen Zaubererwelt gibt, so weiss sie doch zu fesseln und einen Spannungsbogen aufzubauen. Die Bücher sind zu recht erfolgreich, wenn auch das Ausmaß dieses Erfolges nur durch das exzellente Marketing erklärlich ist. Da kommen andere, zum Teil sicher auch bessere Bücher zu kurz, aber vorwerfen kann ihr das nicht.

Einer dieser Verlierer im Direktvergleich, aber auf lange Sicht nicht nur der bessere, sondern auch erfolgreichere Autor (über 30 Bestseller in 20 Jahren) ist mein geliebter Terry Pratchett, die Nummer Zwei nach Frau Rowling unter den British Bestselling Authors. Habe mir daher noch einmal The Truth vorgenommen, eine Analyse der Situation der Printmedien und der Pressefreiheit, die unter anderem der Frage nachgeht, wer eigentlich bestimmt, was eine "Nachricht" ist - und wer die "Öffentlichkeit", die sie lesen soll. Und weil es so schön war, auch gleich noch Going Postal, eine scharfzüngige Satire auf die Prinzipien der modernen Informationsgesellschaft. Und dann, weil es zum Thema "Literaturverdacht" passte, noch Witches Abroad, denn hier zeigt Pratchett am deutlichsten sein Bild vom Menschen als narrativem Wesen: Menschen brauchen Geschichten, um ihrLeben zu gliedern, aber es ist gefährlich, die Geschichte wie sie sein sollte mit dem Leben, wie es tatsächlich passiert zu verwechseln... Den Anspruch auf "Literatur" erhebt Pratchett auch hier nicht (Zitat: "Sometimes I get accused of literature...), aber eben daher kann er ganz unprätentiös seine Botschaft vermitteln.

Irgendwann schreibe ich zu Pratchett mal einen eigenen Eintrag.

Non-Fiction waren nur Kataloge, Aufsätze und Artikel für die Diss. An der ich jetzt im übrigen mal wieder etwas tun sollte.
Dieser Artikel ist ein Update zu: Bücher sind Lebensmittel. Juni.

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