Freitag, 5. Juni 2009

Illuminati. "Symbologie" vs. Kunstgeschichte, oder wozu echte Wissenschaft nutzt

NB: Version 2 des Beitrages nach Anmerkungen vom Kugelschreiber. s.u.

Verschwörungstheorien sind großartig. Der Mischung aus überprüfbaren Fakten, geschickt eingestreuter Fiktion und hanebüchener Erklärung kann man sich nur schwer entziehen.
Möglicherweise ist Herr Brown auch ein guter Autor, der sein Handwerk versteht. (*) Obwohl ich keines seiner Bücher gelesen habe - weil ich nämlich den Verdacht habe, dass sie meine Intelligenz beleidigen. Und das regt mich dann auf, egal wie gut die Verschwörung sein mag.
Aus nicht näher nachvollziehbaren Gründen habe ich mir letzte Woche trotzdem "Illuminatus" angeschaut, wohlwissend, dass die hanebüchene Handlung des Buches für die Filmadaption wahrscheinlich eher noch vereinfacht wurde.
Ich verrate wohl niemandem zuviel, wenn ich zusammenfasse: Der Symbologe (was soll das eigentlich sein? ein Semiotiker? Warum muss man eine wissenschaftliche Disziplin erfinden - Wissenschaftler beschäftigen sich doch auch so schon mit den erstaunlichsten Sachen...) Langdon-Tom Hanks soll in Rom vier Kardinäle finden, die eigentlich gerade zum Papst hätten gewählt werden sollen, wären sie nicht in letzter Minute gekidnappt worden. Sie sollen im Stundenrhythmus hingerichtet werden, der erste um 8, der letzte um 12, also Mitternacht, und dann soll der gesamte Vatikan und halb Rom mittels im CERN produzierter Antimaterie in die Luft gesprengt werden. Ach ja, und dahinter steckt nicht Al Qaida, sondern natürlich die Illuminaten.
Da Herr Hanks sich noch warm laufen muss und ausserdem die Schweizer Garde ihn nicht mag, wegen dieser anderen Sache vor ein paar Jahren, kommt er zur ersten Leiche leider knapp zu spät. So weit so gut, oder vorhersehbar. (Übrigens: so wie der Mann sich aufführt würde ich ihn auch nicht in mein Archiv lassen...)
Nachdem er aber dann den entscheidenden Hinweis auf Bernini erhalten hat - warum zum Teufel setzt er sich nicht einfach wie ein guter _Akademiker (**)_ mit einem Stadtplan und dem Dumont Reiseführer Rom an einen Tisch und lässt die kleinen grauen Zellen arbeiten?
Mit wissenschaftlicher Methodik statt wahllosem Herumrennen in der Stadt hätten spätestens um 20 Uhr 35 alle weiteren geplanten "Opferschauplätze" identifiziert und mit Soldaten oder Polizei besetzt werden können. Ich meine, hallo?!? Bernini ist nicht gerade unbekannt unter den Künstlern des Barock - ich hätte ohne besondere Kenntnisse römischer Barockskulptur sofort zwei der drei "Altäre" nennen können. (ups. habe ich auch. die anderen Zuschauer waren aber nicht dankbar...) Dazu braucht es noch nicht mal Wissenschaftler - das ist wikipedia-Wissen!

Ok, es wäre kein aufregender Actionfilm geworden, aber der Mann ist ja angeblich auch Wissenschaftler - aber warum muss er Indiana Jones nacheifern?(***) Auch Poirot (****) hat mit der "Nachdenken-dann-handeln" Methode fast 40 Bücher bestritten, und alle waren sie fesselnd...
Es ist ein Kreuz.
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Anmerkungen:
(*) Ich unterscheide gerne zwischen Guten Autoren, d. h. Leuten, die mit Sprache umgehen, Spannung erzeugen, ja auch Gefühle wecken können, und Guten Geschichten. Nicht jeder gute Autor kann nämlich auch einen guten Plot entwickeln, oder glaubhafte Charaktere. Wenn beides zusammen kommt ... das ist schön!
(**) Der ursprünglich benutzte, ironisch gemeinte Begriff "Schreibtischtäter" wurde vom Kugelschreiber zu Recht bemängelt. Ich gebe zu, mir waren die juristischen Implikationen nicht bekannt. Wieder was gelernt!
(***) Mir ist bekannt, dass die fiktionale Figur "Indiana Jones" ebenfalls Wissenschaftler, in diesem Fall Archäologe ist. Mir ist auch bekannt, dass seine "Forschungsalltag" sich stark von dem "normaler" Archäologen unterscheidet. Hinweise: mehr Explosionen, weniger Schreiben von DFG-Anträgen...
(****) Über die akademische Bildung von M. Hercule Poirot ist mir nichts bekannt. Sein analytisches Denken fällt aber in die Gruppe von Methoden, die ich von Wissenschaftlern erwarte. Das heißt nicht, dass sie akademisch gebildeten Menschen vorbehalten ist.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Dan_Brown
http://de.wikipedia.org/wiki/Illuminati_(Film)
http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotik
http://de.wikipedia.org/wiki/CERN
http://de.wikipedia.org/wiki/Illuminaten
http://de.wikipedia.org/wiki/The_Da_Vinci_Code_%E2%80%93_Sakrileg
http://de.wikipedia.org/wiki/Gian_Lorenzo_Bernini
http://de.wikipedia.org/wiki/Hercule_Poirot

Kommentare:

Kugelschreiber hat gesagt…

Hallo Bleistifterin!

Was ist denn hier los? Dan Brown sei ganz sicher ein guter Autor, "obwohl ich keines seiner Bücher gelesen habe - weil ich nämlich den Verdacht habe, dass sie meine Intelligenz beleidigen."

Bücher guter Autoren beleidigen Deine Intelligenz? Folge: "Und das regt mich dann auf, egal wie gut die Verschwörung sein mag."

Tja, da können Du und Deine Intelligenz einem wohl nur leid tun...

Kann ja verstehen, dass Du Dich geärgert hast, für diesen Film ins Kino zu gehen - Dein Blogeintrag ist aber schlicht lächerlich und leider teilweise falsch...

Da Du ja Wiki-Wissen mehr oder minder für Allgemeinwissen zu halten scheinst, hier ein paar Anmerkungen:

Du empfiehlst Robert Langdon, sich wie ein guter Schreibtischtäter zu verhalten. Hoffentlich nicht ernsthaft, denn auch Du und Deine Intelligenz sollten spätestens nach der Lektüre des entsprechenden Wikipedia-Artikels (pardon, das ist nun wirklich Allgemeinwissen!) lernen, dass dieser Begriff von Dir bedauerlicherweise völlig falsch benutzt wurde: http://de.wikipedia.org/wiki/Schreibtischt%C3%A4ter

Robert Langdon spielt nicht Indianer Jones, sondern ist ein Pendant zu ihm - beide sind zunächst und vorrangig Wissenschaftler (Indianer Jones ist Professor der Archäologie: http://en.wikipedia.org/wiki/Indiana_Jones). Poirot hingegen ist "nur" ein pensionierter Polizeibeamter/Detektiv ohne akademische Bildung...

Zum Schluss hier der entscheidende Hinweis für Dich in Deinem Symbologie/Semiotik-Debakel:
"Symbology: A fictional academic discipline of which the character Robert Langdon is a professor in the writings of Dan Brown."
(http://en.wikipedia.org/wiki/Symbologist)


Mit Grüßen vom Kugelschreiber

Bleistifterin hat gesagt…

Lieber Kugelschreiber, vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Immer schön, wenn auch die nicht ganz so ernst gemeinten Sachen ernst genommen werden.
Wie Du siehst, habe ich mir Deine Anmerkungen zu Herzen genommen und einige Stellen geändert. Wenn es um Quellen und "Fakten" geht - auch wenn sie nur fiktionale Personen betreffen - muss man genau sein.
Wenn es aber um meine persönliche Meinung geht, die ich in meinem persönlichen Blog äußere, möchte ich eigentlich nicht beschimpft werden. Ich bin nämlich eine reale Person, und Dein Tonfall verletzt mich ein bißchen. Im Gegenzug bemühe ich mich ja auch, keine realen Personen zu beschimpfen. Können wir uns darauf einigen, so aus Respekt von einem Schreibgerät zum Anderen?
Vielen Dank.
Und wenn mein Beitrag in Deinen Augen etwas lächerlich ist - inwiefern hast Du nicht gesagt - überleg mal, ob das nicht in der Natur des Themas begründet liegen könnte. Nicht alles so ernst nehmen! In diesem Sinne, Prost!

Anonym hat gesagt…
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