Dienstag, 2. März 2010

Vom Kochen, Essen und Fernsehen.

Mein allerliebstes Kochbuch wurde mir von einer amerikanischen Freundin vererbt, als sie  zurück nach New York ging. Ungewöhnlich für ein Kochbuch: es hat sehr wenig Bilder und sehr viel Text. Ungewöhnlich für meinen Umgang mit Kochbüchern: ich habe es von Seite i der Einleitung bis zum Index durchgelesen. Mit wachsender Freude und teils ebenso wachsendem Unglauben: in jedem der nach Mahlzeiten aufgezählten Teile  (außer Nachtisch) schien bspw. Brathuhn vorzukommen. Jedes Rezept schien außerdem anzufangen mit "braten Sie etwas Butter in Öl an"... und verlangte Gewürze, die ich namentlich so noch nie gehört hatte - mein englischer Wortschatz hat sich sehr erweitert dabei. Und was ist eigentlich ein Trifle?

Stellt sich heraus, die meisten Rezepte oder Zutaten waren gar nicht sooo exotisch. Die Zubereitung und die Portionsgrößen (braten Sie einen halben Ochsen) kann man scheinbar mit erstaunlicher Leichtigkeit nebenher  bewältigen (rühren Sie das um, noch bevor Sie den Mantel ausgezogen haben) und alles zusammen passte nicht zu dem Foto der unglaublich schönen, sehr schlanken Köchin/Autorin.
Ich spreche natürlich von Nigella Lawson's Klassiker "How to Eat".
 Die Kernaussage dieses fantastischen Buches, und die Erklärung für den Titel, ist folgende: zu wenige Menschen heute können kochen, und zwar, weil sie nicht mehr lernen, wie man "normal" zu Hause "normale" Mahlzeiten zu sich nimmt. Unabhängig davon, welche Mahlzeiten das wären (Spaghetti oder Curry, "meat and two veg" oder Reis mit 8 Köstlichkeiten) - zu viele Menschen lernen das Essen in Restaurants.
Und dann gehen sie (vielleicht) nach Hause, und versuchen diese Köstlichkeiten dort im Alltag nachzukochen.

Ich weiss, dass das stimmt, denn ich habe einen sehr engen Freund, der von sich selbst genau das sagt: er könne (und kann wirklich!) sehr gut kochen, solange er ein genaues Rezept habe und ein bestimmtes Gericht kochen wolle. Was er nicht könne, und worum er mich beneide, sei die Fähigkeit, Essen zu machen.
Damit meint er: den Kühlschrank aufmachen und mit dem Vorhandenen (besser noch: mit Resten) Mahlzeiten zu produzieren.  Oder über den Markt zu gehen und sich von den Lebensmitteln inspirieren zu lassen... bis zu einem gewissen Grad kann ich das tatsächlich - genau so habe ich es zu Hause von meiner Mutter gelernt.
Der Nachteil liegt meiner Meinung nach auf der Hand: keins meiner Gerichte schmeckt zweimal gleich (weil man ja immer irgendwas durch irgendwas anderes ersetzt), und ich kann keinem Rezept folgen, weshalb ich wiederum besagten Freund beneide.
Und genau hier liegt Nigella's Diagnose zum miserablen Zustand der (englischen) Küche: die Leute können, so glaubt sie, nicht mehr normal essen, weil sie es so selten tun.

Mal abgesehen davon, dass England eigentlich nicht berühmt ist für seine Küche, so ist es doch in den letzten Jahren sehr bekannt für seine Köche. Am erfolgreichsten ist sicherlich Jamie Oliver, und interessanterweise vertritt er einen ganz ähnlichen Standpunkt - oder wie sonst erklärt man sich seine Kampagnen, Leute zu einer gesünderen, frischeren Ernährung zu erziehen? (z. B. "Ministry of Food"/Jamies Kochschule)
Ich bewundere Jamie Oliver dafür, dass er von Anfang an seine Popularität genutzt hat, um soziale Projekte anzustoßen. Natürlich ist er ein Geschäftsmann, der an Büchern, Fernsehshows, Restaurants und Küchen-Schnickschnack verdient - das ist ok, das ist sein Job, und weiß Gott! das Durchschnittseinkommen von Köchen ist viel zu niedrig! Aber zugleich bildet er Jugendliche aus, die sonst keine Chance hätten, und gibt Ihnen Arbeit und eine Perspektive; er arbeitet gegen Massentierhaltung (ich sag nur: Jamies Hühnerhölle!) und er arbeitet für eine Verbesserung der täglichen Ernährung der Bevölkerung - in Großbritannien, und jetzt auch in den USA.
Dafür hat er jetzt den TED Prize bekommen (Analyse: hier) und bei der Preisverleihung eine flammende Rede gehalten.
Die drei Haupttodesursachen in den USA seien nicht Gewalt, Drogen oder Mord, sondern Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfall, mit Diabetes auf Platz 6 (Video Min. 2.21)- also vor allem ernährungsbedingte Krankheiten, die den Steuerzahler und das Gesundheitssystem ein Vermögen kosten. Wenn er nun ein Arzt wäre, so Jamie, der ein Mittel gegen Krebs oder AIDS gefunden hätte - die Leute würden ihm die Tür einrennen. Aber er ist nur ein Koch, und obwohl eine gesündere Ernährung kein Hexenwerk wäre, trifft er (überall) auf erbitterten Widerstand (Ausschnitte aus seinen Fernsehsendungen belegen das).
(Das ist natürlich ein soziales Problem: traditionell konnten sich nur reiche Leute/Oberschicht ungesundes Essen wie Weißbrot oder Zucker leisten. Heute ist es eher umgekehrt, aber an dem mühsam erarbeiteten Recht, sich ungesund zu ernähren, hält man erbittert fest. Class ist neben race und gender eben doch noch eine wichtige analytische Kategorie, auch wenn wir Nach-68er dazu erzogen wurden, die Existenz verschiedener "Klassen" oder "Schichten"  zu ignorieren oder gar zu leugnen... Aber was sonst ist denn die Polemik gegen Hartz IV und Langzeitarbeitslose, Banker/Unternehmer und "die da oben", "Bürger/Kinder mit Migrationshintergrund" und "bildungsnahe Haushalte" anderes als eine Fortsetzung der Diskussion mit anderen Begriffen - nur schwieriger, weil man das Vokabular nicht nutzen darf/will? Aber das ist eine andere Debatte, für einen anderen Blogpost.)

Das ist überraschend, denn es sind nicht die Lebensmittelproduzenten, es sind die Verbraucher selbst die darauf bestehen, dass Pizza zum Frühstück gut für die Kinder sei. Die Kinder selbst können nicht einmal Tomaten von Kartoffeln unterscheiden...
 Na, seht selbst (Achtung: lang!)

 

Ich will glauben, das seien Extrembeispiele aus dem Ausland, und in Deutschland sei das alles besser. Aber auch in Deutschland glauben Kinder, braune Kühe geben Kakao, und können mit verbundenen Augen Äpfel nicht von Birnen unterschmecken. Und das europäische Projekt "kostenloses Schulobst" ist grandios gescheitert.
In meinem Freundeskreis sind viele Leute, die nicht kochen können, oder selbst sehr einfache Gerichte (allerlei Nudelgerichte) nur mit Hilfe von Tüten und Dosen und Anleitungen aus dem Internet fertigstellen können. Es interessiert sie aber auch gar nicht. Sie schmecken nicht die Unterschiede zwischen Ei und Bio-Ei, Treibhaustomate und sonnengereifter Tomate, Chicken-Nuggets und Hühnerbein. Sie schmecken den Unterschied nicht, und im Zweifel ziehen sie den erlernten Geschmack von Dosenananas oder die gewohnten Farbstoffe im Erdbeereis vor.

Das Fernsehen sendet täglich Kochsendungen, aber das sind alles Gourmetgerichte von Sterneköchen (oder entsprechend ambitionierten Hobbyköchen), kein alltägliches Essen.
Es geht nie darum, mit einem knappen Budget eine Familie gesund und abwechslungsreich  zu ernähren. Dabei ist das viel schwieriger. Denn obwohl die Lebensmittelpreise in Deutschland die niedrigsten in Europa sind (wohlgemerkt: auch die Qualität ist oft miserabel, aber das interessiert kaum), ist es viel teuerer, sich gesund (= frisches Gemüse, abwechslungsreich zubereitet, saisonal, non-processed) zu ernähren. Zumal wenn man nicht kochen kann. (Wenn man es kann, und wenn man viel Zeit hat,und in großen Portionen arbeitet, ist es natürlich viel billiger...)
Mancheml glaube ich, meine Geschwister und ich sind ziemliche Ausnahmen mit unserer Freude am Zubereiten und Einnehmen von gemeinsamen Mahlzeiten. Wir reden gerne und viel über Essen, "normales" Essen ohne Schäumchen und Trüffel, nicht an Toast sondern auf Tellern - abwechslungsreich und experimentierfreudig, aber mit "klassischer Hausmannskost" als Basis.

Dann wiederum: so viele Foodblogs (z. B. hier). So viele Mitglieder bei www.chefkoch.de...
Trotzdem wünschte ich, auch in Deutschland gäbe es einen Jamie Oliver. Oder Sarah Wiener hätte mehr Erfolg. und Aufmerksamkeit.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Nigella_Lawson
http://www.amazon.de/How-Eat-Pleasures-Principles-Cookery/dp/0701169117/ref=sr_1_11?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1267526985&sr=1-11
http://de.wikipedia.org/wiki/Jamie_Oliver
http://www.jamieoliver.com/
http://www.amazon.de/Jamies-Kochschule-Jeder-kann-kochen/dp/3831013225/ref=sr_1_5?ie=UTF8&s=books&qid=1267531328&sr=8-5
http://www.rtl2.de/16402.html
http://www.theeuropean.de/2299-jamie-oliver/2503-jamie-oliver-auf-der-ted-2010
http://www.youtube.com/watch?v=jIwrV5e6fMY
http://www.tagesschau.de/inland/bundesrat178.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Wiener#Engagement
http://www.amazon.de/Von-Kakaok%C3%BChen-R%C3%BClpsbakterien-Lebensmittel-Machbuch/dp/3897773260/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1267534848&sr=8-1

Kommentare:

manuela hat gesagt…

ich glaube tatsächlich, eins der größten probleme im bereich der häuslichen essenszubereitung liegt in den maggi- und knorr-tüten. viele leute denken wirklich, das sei "kochen".
meine kolleginnen, die im schnitt zehn jahre jünger sind als ich, kennen das gar nicht: in den kühlschrank schauen, vorhandenes einsammeln, etwas daraus improvisieren.
extrembeispiel ist eine kollegin, die wirklich alle verfügbaren kochshows ansieht, aber niemals etwas ohne knorr-beutel kocht.
auf der strecke bei beidem (den fertigbeuteln UND den kochshows) bleiben dann traditionelle gerichte wie mehlklöße, grießmehlschnittchen, döppekoche, oder auch simple pfannkuchen u.ä.

dabei ist das internet gerade fürs kochen genial. an ratlosen abenden vier vorhandene zutaten in google eingeben und ab dafür! :D

bei uns gab es heute übrigens gnocchi mit tomaten-paprika-gorgonzola-soße. als auflauf. da sind morgen zwei extra laufrunden fällig, aber das war es wert :D

Bleistifterin hat gesagt…

Hmm. Ich kenne auch Leute, für die sind Nudeln mit Pesto "kochen" - für mich ist das ein (leckeres) absolutes Notfallessen, wenn sonst gar nichts mehr im Haus ist. Außer, ich mache das Pesto selbst.
Aber klar: "einfach ein paar frische Zutaten dazu..." täuscht eben vor, dass man außer den frischen Zutaten (und Salz) auch noch die Tüte braucht. Und diese Knoppers/Milchschnitten-Werbung: "ich will was leicht bekömmliches, praktisch verpackt" - Mädele, iss einen Apfel!

sandi hat gesagt…

Ich glaube das Problem ist weniger, dass frische Lebensmittel teurer sind (das stimmt nämlich nicht, wenn man Nährwerte einkalkuliert und wie lange das Essen "vorhält"), sondern dass es viele Leute nicht interessiert, was sie essen. Und man will sich keine Arbeit machen. Dass Kochen aber oft keine Mühe macht, bleibt außen vor, weil die Erfahrung fehlt.
Eine endlose Debatte, die im Endeffekt jeder nur für sich selbst entscheiden kann.