(lustiges Wortspiel!), aber zu umständlich... handelte oft - aber nicht nur - vom Schreiben bzw. Nicht-Schreiben einer Doktorarbeit in Kunstgeschichte.
Die Arbeit ist fertig. Dieses Blog auch.
In einem Schreibworkshop zur Hausarbeit, den die Leuphana für die Erstsemester angeboten hat, sagte ein Student: "ja aber ich darf ja gar keine eigene Meinung äußern. ich muss ja alles zitieren!" Hier kann man sehen, wie ein Student das Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens grundlegend mißverstanden hat.
Studierende sollen natürlich ihre eigene Meinung äußern. Aber nicht als diffuses Bauchgefühl, sondern wohlinformiert über den bestehenden Diskurs, und wohlbegründet unter Berücksichtigung bereits vorgebrachter Argumente.Um zu zeigen, dass man den Diskurs kennt, zitiert man ihn. Um dem weniger im Diskurs verhafteten Leser (und das sind im Falle eines Doktoranden alle außer ihm, inklusive Betreuer!) den Diskursverlauf nachvollziehbar zu machen, setzt man Belegverweise. Man knüpft sich ein in ein Netz aus Querverweisen. Und natürlich bewertet man sie auch, auf Grundlage der bekannten Fakten. Das ist schon Wissenschaft.
Hier kann man aber auch sehen, wie m. E. auch die Aktion Guttenplag etwas grundlegend mißverstanden hat. Um den Diskurs wiederzugeben, muss man ihn zitieren. Dass man dabei zum Teil auf Formulierungen stößt, die besser sind, als die eigenen, bleibt nicht aus. Aber tatsächlich ist es nicht unbedingt nötig, etwas "Neues" zu erfinden. Oder sagen wir lieber so: "neu" ist eben manchmal auch die Zusammenstellung bekannter Argumente und Tatsachen in einem ungewöhnlichen Kontext, oder unter einer neuen Fragestellung, oder mit einer neuen Bewertung unter Einbeziehung der bisher nicht berücksichtigten Komponente X. Es geht nicht um die Erschaffung von ETWAS aus NICHTS. Manchmal ist es schon eine promotionswürdige wissenschaftliche Leistung, überhaupt unterschiedliche Gesprächsfragmente zu einem Diskurs zusammenzufügen. Guttenplag zeigt deutlich und klar, dass Herr zu Guttenberg mehr "Zitatepatchwork" betrieben hat, als für eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit in Ordnung wäre. Daran herrscht kein Zweifel, nicht einmal mehr beim Autor. Es ist gut, dass er diese Fehler endlich eingesehen und eingeräumt hat. Es ist völlig richtig, dass er daraufhin den Doktortitel zurückgegeben hat. Wer so schlampig arbeitet, hat den Titel nicht verdient. Es ist ebenfalls richtig, dass die Affäre damit noch nicht beendet ist.
Ich habe übrigens den Verdacht, dass diese handwerklichen Mängel mit der gängigen Ausbildungspraxis der juristischen Fakultäten zusammenhängt, aber das wäre nur eine Erklärung, keine Entschuldigung. (Die Tatsache, dass besagte handwerkliche Mängel den Prüfern nicht aufgefallen sind, ist allerdings ein Indiz dafür, dass in diesem Fachbereich der Schwerpunkt nicht auf der Vermittlung und Wertschätzung handwerklicher Grundlagen liegt. Aber das ist Spekulation.)
Diese Anschuldigung kann nur der Prüfungsausschuss, bzw. ein Gremium ausgewiesener Fachleute beurteilen. Prof. Fischer-Lescano, der die Affäre losgetreten hat, gehört dazu. Eine Horde anonymer Blogger, die sich zur fröhlichen Ministerjagd versammelt haben, aber nicht.Viele der solcherart angezeigten Plagiatsstellen sind nämlich wahrscheinlich keine.
Und eine Ministerjagd ist es, leider: das zeigt der Name "Guttenplag" - warum nicht "Ministerplag"? Wäre doch schön, wenn jetzt alle promovierten Volksvertreter/innen -- und wenn wir schon dabei sind: alle promovierten Wirtschaftslenker/innen in Entscheidungspositionen -- mit Hilfe der vielberufenen Schwarmintelligenz überprüft würden. Klappt nicht? Interessiert keinen?
Eben.
Drum.
Schade eigentlich.
Merkwürdig sind die Studierenden von heute. Zumindest diejenigen, die als hochschulpolitisch Engagierte in Erscheinung treten.
überfüllter Hörsaal
Seit den Siebziger Jahren klagen alle über die Massenuniversität. Das Betreuungsverhältnis ist an manchen Universitäten so schlecht, dass der/die Prof die Studierenden zum ersten Mal in der Prüfung richtig wahrnimmt. Das ist nicht schön. Schuld daran ist die Kapazitätsverordnung, ein schönes Blatt Gesetzestext, das für die "Erschöpfende Nutzung der Ausbildungskapazität" (§1) sorgen soll, indem es diesem hehren Ziel weitere 21 Paragraphen widmet. Dabei wird genau festgelegt, wie die Zulassungsquote zu ermitteln ist, wie darin die Vorjahresbewerber zu behandeln sind (Stichwort: Wartesemester) und was ein Curricularnormwert (§13) ist.
Das ganze ist so kompliziert, dass selbst versierte Bildungspolitiker sie nicht verstehen.
ein Paragraf entscheidet
Kurz gefasst läuft es aber auf folgendes hinaus: Auf X Profs kommen Y Studierende. Dies sind (Massenuniversität!) zu viele, um sie angemessen zu betreuen. Schafft man nun 2X Professuren, heißt dies aber dank KapVO automatisch auch 2Y Studierende - das (schlechte) Betreungsverhältnis bleibt also gleich!
Vielerorts liegt die "Lösung" darin, zusätzliche Lehraufträge einzuwerben. Die allerdings - obwohl meist undankbar schlecht bezahlt mit ca 500 Euro/Semester (brutto!) - kosten Geld. Und Geld haben Universitäten bekanntlich nicht, seit ihre Finanzierung stetig gekürzt wird bei gleichbleibenden/steigenden Fixkosten (festes Personal in Lehre und Verwaltung, Gebäudeunterhalt, Zeitschriftenabonnements etc). Frisches Geld gibt es (fast immer) nur für Forschung. Damit Profs forschen können (oder zumindest prestigeträchtige Forschungsanträge schreiben können, mit denen man Drittmittel einwerben kann), werden sie (wenn erfolgreich bei der Drittmittelacquise) von der Lehre freigestellt. Die Studierenden haben davon im normalen Uni-Alltag nicht viel -mit Glück kommt ein neues Buch/Aufsatz dabei heraus. Ihre Lehrveranstaltung hält besagter berühmter/erfolgreicher/forschender Prof nicht.
so sieht er aus, der Unruhestifter
Auftritt Sascha Spoun: Die Uni Lüneburg soll sich neu profilieren/positionieren/ausrichten. Die Lehre spielt dabei eine große Rolle: von exzellenter Qualität soll sie sein. Darüber ist ein Großteil der altgedienten Professorenschaft natürlich erzürnt: man sei ja nicht nach Lüneburg gekommen, um dort exzellente Forschung oder Lehre abzuliefern! Ja, da hätte man ja auch an die LMU oder HU/FU gehen können! (So zumindest muss man ihren Widerstand gegen die Qualtiätsoffensive wohl lesen. Wer hingegen ein schriftliches Feedback zur Hausarbeit, eine regelmäßige Sprechstunde oder die regelmäßige Ankündigung des Seminarplans für selbstverständlich hält, dürfte eigentlich nicht beleidigt sein, wenn genau das jetzt verlangt wird. Meint man so. Ich kann mich irren.)
Weil nun Herrn Spoun die Lehre wichtig ist, möchte er das Betreuungsverhältnis ändern. Kurzfristig geht das über Lehraufträge - natürlich, das Mittel ist bewährt. Langfristig muss der höhere Aufwand, den kleinere Gruppengrößten nun einmal mit sich bringen, aus dem eigenen, festangestellten Hause erbracht werden. Das ergibt ökonomisch Sinn, daher protestiert die o. g. Professorenschaft vorsorglich gegen die unternehmerische Universität (entrepreneurial university). Die von schlechtbezahlten Lehraufträgen lebenden Wanderdozenten freut's. Hier nun der Trick: Da Profs verbeamtet sind, funktioniert die KapVO nur in eine Richtung: der vorhandene Prof muss bis zu Y Studierende unterrichten. Wenn sich aber weniger Studierende bewerben (zum Beispiel, weil man den Studiengang Sozialpädagogik schließt und die festangestellten, vorhandenen Profs stattdessen in der Lehrerbildung einsetzt) - tja: dann bessert sich das Betreuungsverhältnis von früher 1:39 auf heute 1:29 in nur drei Jahren. Und alles ohne einen (elitären) Numerus Clausus! Ein guter Draht in die Landespolitik sichert dabei (für einige Zeit) die bestehenden Zuschüsse.
linker Student (vermummt) porträtiert von Uli Stein
Und jetzt kommt das Merkwürdige: Einige, auffallend viele linke, Studierende finden diese Entwicklung doof. So zum Beispiel Ansgar Gräntzdörffer, stellvertretender Juso-Vorsitzender in Lüneburg: "Wir Jusos im Unterbezirk Lüneburg kritisieren den starken Rückgang der Studierendenzahlen der hiesigen Leuphana Universität. [...] Herr Spoun versucht durch diese Eindampfung der Studierendenzahlen das Betreuungsverhältnis zwischen den Lehrenden und den Studierenden künstlich zu verbessern, damit die Uni am Ende gute Zahlen präsentieren kann", beschwert sich der vermutlich studierende Juso auf der Lüneburger Juso-Homepage. (Skandal! Die Verbesserung ist nur künstlich!)
Im Detail moniert er
1. dass "dadurch der wachsenden Schar von Abiturientinnen und Abiturienten der Hochschulzugang versagt" werde (weil Lüneburg scheinbar die einzige Uni in Deutschland ist, und alle Schülerinnen und Schüler offenbar ein Grundrecht auf ein Studium von ihrem Kinderzimmer aus haben. Geht doch alle nach Berlin, wenn Euch die Massenuni so gut gefällt! Als ob es in Deutschland keine anderen Angebote für einen zweiten/dritten Bildungsweg gäbe... wie wär's denn mit der Fernuni Hagen?)
2. bedeuten "sinkende Studierendenzahlen [...] geringere Einnahmen für die studentische Selbstverwaltung. Durch diese Einbrüche fehlen der verfassten Studierendenschaft wichtige finanzielle Mittel für politische, soziale wie auch kulturelle Zwecke" (-- weil nämlich alle Steuerzahler den ohnehin verwöhnten Studierenden ihr Freizeitangebot bezahlen sollen. Schon mal was von fundraising gehört? Klappt bei Lunatic doch auch!)
Noch klarer äußert sich Michael Pauly, ebenfalls Student und Mitglied bei den LINKEN, in der Landeszeitung (nicht bekannt für fundierte Recherche und unparteiische Berichterstattung, vor allem im Kontext mit der ungeliebten Universität) vom 4. Juni 2010, S. 8: "Die Studenten wollen keine zusammengeschrumpfte Elite-Uni. Wir wollen, dass möglichst viele Menschen einen Zugang zur Hochschule erhalten und fordern, dass die Universität zu ihrer alten Größe von 10.000 Studenten zurückkehrt."
Seufz. Also doch lieber Masse (alle, auch Unfähige, sollen Studieren, vor allem aber ich!) statt Klasse (gute Lehre dank intensiver Betreuung)? Und wer spricht denn immer von Elite? Im Zulassungstest für den Leuphana Bachelor kann man seinen Notenschnitt um bis zu 30% verbessern - nur durch außerschulische Leistungen. Verlieren, also seinen Notenschnitt verschlechtern, kann man dabei nicht... Das ist doch keine elitäre, rein auf Noten und soziale Herkunft bezogene Auswahl - oder was stört Euch? Das Zurückstellen schulischer Leistungen geht ja soweit, dass schon die Erstsemester-Tutoren (ihres Zeichens selbst Studierende) anregen, vermehrt Rechtschreibs-und Grammatikkurse für die Studierenden anzubieten, weil dort riesige Defizite herrschen...
Für mein Teil gilt: ich möchte, dass möglichst viele geeignete und studierfähige Menschen einen Zugang zur Hochschule erhalten.
Das muss nicht unbedingt die Lüneburger Hochschule sein. Manchmal lernt man schon ganz viel, wenn man mal zu Hause auszieht. Ob diese Menschen studierfähig sind, hängt meines Erachtens in beträchtlichem Ausmaß von einer ordentlichen Schulbildung ab (Abitur = Hochschulreife -- so sollte es sein). Ich möchte, das Menschen eine ordentliche Schulbildung erreichen, unabhängig von sozialen Faktoren oder ethnischer Herkunft oder Geschlecht, oder oder ...hier ist noch viel zu tun! (Kindergartenpflicht für alle, frühkindliche Spracherziehung, verlängerte gemeinsame Schulzeit etc). Und ich möchte, dass diejenigen, die es an eine Hochschule geschafft haben, dort keine Massenuniversität vorfinden, wo man mit dem Trichter Einheitswissen vermittelt bekommt und eine individuelle Förderung nicht möglich ist. Aber so wie es jetzt aussieht, geht das nur durch zusätzliche Lehrende und verbesserte Ausstattung und Infrastruktur. (Und dazu gehört auch die Lüneburger Campusentwicklung - mehr Kurse mit weniger Teilnehmern brauchen nämlich auch mehr Räume. Vor allem, wenn die Studierenden Volgershall schon nicht mehr zum Campus zählen und sich weigern, "da draußen" (10 Minuten mit dem Fahrrad) Kurse zu besuchen Auch für Euch gilt: geht nach Berlin! Da bekommt Ihr ein ganz neues Verhältnis zu Entfernungen...)
Also, liebe Linke, liebe Jusos, liebe Studierende - protestiert ruhig, protestiert auch gerne laut, aber protestiert gegen die lähmende KapVO, und protestiert gegen die Ausbeutung von engagierten Nachwuchswissenschaftlern in faktisch unbezahlten Lehraufträgen. Protestiert für mehr feste (aber nicht notwendigerweise unbefristete) Stellen für engagierte Lehrende. Aber hört verdammt noch mal auf zu Jammern, noch dazu auf dem jetzigen hohen Niveau. Ist doch kein Wunder, wenn Euch keiner ernst nimmt.
Laut UniSPIEGEL hat der Kapitalismus in den USA die Universitäten erreicht.
Damit meine ich nicht die Tatsache, dass die privaten Ivy-League Universiäten ihr (privates) Vermögen in der Finanzkrise verloren stark reduziert haben. Vielmehr soll das Outsourcing inzwischen bei der Korrektur der Prüfungsleistungen angelangt sein: einfach nach Asien schicken, wo die Korrekturen im Akkord und per Stückpreis erledigt werden, noch dazu zuverlässig innert weniger Tage.
Glaubt man der Homepage, brechen für die Arbeitenbenotung in Billiglohnländern, das sogenannte "Outgrading", große Zeiten an. Studenten erhielten ausführliches und professionelles Feedback auf ihre schriftlichen Erzeugnisse, und Professoren bleibe mehr Zeit für die Lehre von Angesicht zu Angesicht, so das Verkaufsargument von EduMetry.
Leider hat die Sache einen Haken: Wenn ich die Hausarbeit/den Essay/das Referat/die Prüfungsleistung nicht gelesen/gehört und korrigiert habe - was bleibt denn dann noch von der Lehre "von Angesicht zu Angesicht"? Denn der wichtigste Teil der Lehre, oder sagen wir, der Teil der Lehre, bei dem die Studierenden idealiter am meisten lernen können, das ist ja nun mal der Kommentar zur Prüfungsleistung (Hausarbeit). Vermittelt vorzugsweise in der Sprechstunde, bei einer mehr oder weniger ausführlichen Besprechung der Prüfungsleistung (Hausarbeit)!
Studierende heute (möglicherweise war das früher nicht anders, man soll ja nicht von sich auf andere schließen) also Studierende heute sind allerdings leider häufig gar nicht daran interessiert, etwas zu lernen.
Stattdessen wollen sie ihre Note wissen - ohne Kommentar. Ob die 2,3 die beste Note unter lauter Dreiern oder das Letzte unter lauter Einsern war - interessiert nicht. Was gefehlt hat, um die 2,3 zu einer 1,7 oder gar einer 1,0 hochzureißen (Aufbau? Methodik? verwendete Literatur? Formalien?) - egal!
Das wiederum kommt denjenigen unter den Lehrenden entgegen, deren Benotung auf der altbewährten Methode Eins-Null-nich-'meckern-nich'-fragen beruht - denn eigentlich sollte auch eine 1,0 begründet werden - sonst bleibts beim Glückstreffer und hilft dem Empfänger der Note nicht dabei, seine Leistung korrekt einzuschätzen.
Diese Lehrenden gibt es - man muss aber zur Ehrenrettung eines unterbezahlten Berufsstandes hervorheben: diese Einstellung ist sehr viel seltener als das Klischee vermuten lässt. Dies ist das Klischee:
Korrigieren Dozenten hierzulande Studienarbeiten, gehen sie mit der roten Tinte oft sehr sparsam um: Jungfräuliche Seitenränder, auf den Seiten 11 und 18 mal eine Alibi-Bemerkung eingestreut, dazu die Note, gewürzt mit einem allgemeinen Kommentar. Das zeugt von Zeitmangel, Unlust oder beidem zugleich.
Die Realität besteht darin, dass Lehrbeauftragte hunderte von Kilometer anreisen, um 5-6 Stunden am Stück Hausarbeiten zu besprechen. Oder zweiseitige getippte Kommentare beifügen, die die Notengebung begründen. Oder die Studierenden per E-Mail/Telefon zur Nachbesprechung animieren wollen. Wohlgemerkt: Lehrbeauftragte bekommen in der Regel ihre Korrekturzeit nicht bezahlt!
Und zum Glück gibt es auch die Studierenden, die für dieses Feedback dankbar sind. Und es sich zu Herzen nehmen. Und nicht wegen einer 3,7 vor den Prüfungsausschuss ziehen.
Davon abgesehen, dass man "gar nicht" (analog wohl "gar nix") gar nicht zusammen schreibt, ist diese Ankündigung auf dem Transparent vor dem nunmehr nach vollen vier Wochen Besetzung "geräumten" Hörsaal 1 eine tröstliche Angelegenheit. Klingt auch so hübsch kämpferisch, und täuscht völlig darüber hinweg, dass der Hörsaal von den Studierenden selbst geräumt wurde - ein kontrollierter Rückzug. Wenn es nach der Hochschulleitung gegangen wäre, hätten die Studierenden wahrscheinlich dort auch einen Weihnachtsbaum aufstellen und auf das Christkind warten können. Fakt ist, dass schon seit zwei Wochen andere Studierende angefangen hatten sich zu beschweren - die wollten nämlich schon länger ihren Hörsaal wiederhaben. (hier, besonders in den Kommentaren...)
Auch "Freiraum erkämpfen!" klingt wunderbar martialisch. (hab leider keine Kamera hier, sorry: versuche ein Foto nachzureichen!) Viel besser als "Vorhandenen Freiraum endlich nutzen!" - denn seien wir ehrlich: der AStA klagt auch in Lüneburg über Nachwuchssorgen, denn die Bachelors und Bacheloretten wollen sich alle nicht fürs zeitaufwendige StuPa aufstellen lassen. Das heißt wohl, die offiziellen, vorhandenen Gremien für die studentische Mitbestimmung werden nicht so flächendeckend genutzt, wie es möglich wäre. Und damit werden auch nicht die vorhandenen Räume genutzt, denn natürlich hat der AStA in Lüneburg mehrere Räume zur Verfügung, in denen man sich regelmäßig treffen kann. Und mittwochs nachmittags dürfen laut Leuphana Bachelor Rahmenstundenplan keine (Pflicht-) Veranstaltungen stattfinden, explizit um Freiraum für studentisches Engagement und Gremienarbeit zu ermöglichen.
(Wieso werden die vorhandenen Freiräume nicht genutzt? ist also m. E. die interessantere Frage - vielleicht weil sie von den Nachwuchs-68ern und anderen Kapitalismuskritikern so vereinnahmt werden, dass sich "nur" für Hochschulpolitik interessierende Studierende abgeschreckt fühlen? Offenbar hat die organisierte Studierendenvertretung Akzeptanzprobleme. Wieso wurde denn so großen Wert darauf gelegt, dass die Hörsaal-Besetzung nicht vom AStA organisiert wurde, sondern von "richtigen" Studierenden? Der AStA an sich ist zwar wichtig und leistet gute Arbeit, aber er ist nicht wirklich demokratisch legitimiert ( x% der Stimmen von 29% der Wahlberechtigten? Hallo?? findet ihr das wirklich repräsentativ?) Warum wollen die Besetzer nicht einmal einen Freiraum in der Nähe des (sehr zentral platzierten) AStA-Büros? Und warum wollen sie den einzigen Raum, über den das Präsidium nicht verfügen kann, weil er der Campus Management AG gehört? Aber das nur am Rande...)
Nun zu den Erfolgen der Besetzung hier auf lokaler Ebene: 1. Man hat sich ein Gespräch mit dem Präsidenten erstreikt! Hurra - obwohl er das natürlich schon am Tag 1 der Besetzung angeboten hatte. Aber da wussten die Studierenden ja noch gar nicht, was sie eigentlich wollen und mußten das erstmal beraten. Is' ja auch richtig so.
2. Man kämpft für die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. (hier und nochmal hier) Wirklich? Wenn das Eure größte Sorge ist, dann jammert Ihr in Lüneburg wirklich auf verdammt hohem Niveau... Denn, seien wir mal ehrlich: laut RPO im Leuphana Bachelorgibt es überhaupt keine Anwesenheitspflicht. Sie ist zumindest keine Studienleistung. Und wenn eine Empfehlung ausgesprochen wird, dass die Studierenden doch bitte an 75% des Seminars auch tatsächlich teilnehmen wollen - wer will einem Lehrenden das verdenken? Immerhin geht es hier um Bildung. Wissen erwerben - also ein Buch lesen - kann ich auch alleine zu Hause im stillen Kämmerlein. Aber Bildung - sei es Persönlichkeitsbildung oder auch nur Meinungsbildung - Bildung erwerbe ich allein in der Auseinandersetzung mit anderen, und zwar in der Diskussion über das zuvor im o.g. Buch gelesene abstrakte Wissen. Daraus folgt
1. dass ich ins Seminar gehe und 2. dass ich vorbereitet ins Seminar gehe. Und 3. sollte ich dann dort tunlichst den Mund öffnen, und mich aktiv beteiligen.
Dafür zahlen wir Geld, dies ist die Infrastruktur, die uns nur eine Universität bieten kann, hier findet die "exzellente" Lehre statt, um und für die wir kämpfen - und dann habt Ihr das größte Problem damit, dass von Euch erwartet wird, tatsächlich teilzunehmen? Findet Ihr das nicht auch ein bisschen paradox?
Persönlich habe ich genug Lehrerfahrung um beurteilen zu können, wie frustrierend es sein kann, wenn man einen sorgfältig durchdachten Seminarplan erstellt hat, nur damit dieser durch das offensichtliche Desinteresse (schlechte Vorbereitung, unentschuldigtes Fernbleiben) von Studierenden torpediert wird. Auch ist es das Recht der Lehrenden zu wissen, wer wann da war und bestimmte Informationen tatsächlich erhalten/Referate gehört/ an Diskussionen teilgenommen hat. Anwesenheitslisten können das gut dokumentieren.
Und auch wenn einige Lehrende der Versuchung erliegen, eine in der RPO nicht verankerte Anwesenheitspflicht mittels solcher Listen zu suggerieren - ja seid Ihr nun erwachsene, selbstverantwortliche Menschen mit Informationskompetenz oder nicht? Laßt einzelne Lehrende doch leere Drohungen aussprechen - sie können und dürfen Euch nicht wegen mangelnder Teilnahme von Prüfungsleistungen ausschließen! Persönlich wage ich zu äußern, dass die meisten Studies von einer regelmäßigen Teilnahme auch in der Prüfung profitieren würden - und zwar schlichtweg, weil sie dann besser auf die Prüfung vorbereitet wären. So simpel ist das nämlich manchmal.
Allerdings ist mir allerdings schon aufgefallen, dass in der direkten persönlichen Auseinandersetzung mit Prüfungsberechtigten unsere ach-so protestbereiten Studierenden häufig nicht einmal zu einer erwachsenen Gesprächsführung (höflicher Ton und Wortwahl) bereit sind. Sie schreiben geradezu unverschämte Briefe an Prüfungsamt, Studiengangskoordinatoren, oder das in diesem Kontext weitestgehend anonyme Präsidium und fordern dies oder jenes. Die Forderungen sind oft berechtigt - es geht mir um grundlegende Anzeichen von Höflichkeit und Respekt - aber warum sprecht Ihr nicht direkt mit dem für den Mangel verantwortlichen (Dozenten)? Warum traut Ihr Euch nicht, öffentlich und auch im Angesicht von möglichen Sanktionen (die wohl in 99% der Fälle unbegründet bloß befürchtet werden) einmal zu Eurer Meinung zu stehen? Dazu gehört weit weniger Zivilcourage als die "Weiße Rose" damals aufbringen musste, und doch möchten bspw. die drei Sprecherinnen des besetzten Hörsaal 1 ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. (hier) Ja Himmelsakra, warum denn nun eigentlich nicht? Schämt Ihr Euch? Angst vor Exmatrikulation? Glaubt Ihr wirklich, eine geduldete Hörsaalbesetzung mit der allseitigen Ermutigung zu konstruktiven Gesprächen führt zu Exmatrikulation? Oder man könnte die "Rädelsführer" aus einem festen Kern von 40 Besetzern nicht durch einfaches Vorbeigehen identifizieren? Ist "Kaja" etwa ein so häufiger Vorname!? Werdet erwachsen! Wie aufgeschlossen gerade auch Präsident Spoun Euren Forderungen gegenüber ist, habt Ihr doch selbst dokumentiert:
Statt das Angebot einer konstruktiven, auf win-win angelegten Zusammenarbeit anzunehmen, wohlt Ihr Euch nicht "niederkuscheln" lassen. Schön, wenn der Feind identifiziert ist. Allein, die Begründung des Feindbildes entgegen jeglicher Erfahrungswerte schmeckt nach ererbtem Vorurteil. Wohlgemerkt: ich bin den Studierendenprotesten wohlgesonnen. Aber Ihr macht es mir verdammt schwer, mich nicht über sie lustig zu machen, denn zu sehr scheint alles einer vorgegebenen Inszenierung zu folgen, die nicht authentisch wirkt. Wahrscheinlich war das bei uns damals genauso, aber Ihr bleibt echt hinter Euren Möglichkeiten zurück. Weil Ihr immer noch APO spielt, aber an deren Ideen nicht mehr glaubt. Weil Ihr Euch nicht mal traut, Euren kleinen (aber wichtigen) Forderungen Euren Namen und Euer Gesicht zu geben. Und weil Ihr nicht bereit seid, verantwortliche Konsequenzen aus Eurem Unmut zu ziehen (z. B. durch konstruktives und vor allem dauerhaftes und daher anstrengendes Engagement in den immer noch vorhandenen hochschulpolitschen Gremien). Und dann rasselt Ihr wieder mit den Säbeln und probt Eure unnütze und überflüssige Krawallrhetorik, nur weil das kulturelle Gedächtnis sich immer noch an Dutschke und Co orientiert. Das ist doch traurig. Ihr wollt nicht sein wie "die Leute vom AStA"? Benehmt Euch nicht so. Irgendwie tut Ihr mir alle ein bißchen leid.
Bildquellen: http://www.flickr.com/photos/hoersaal1lg/4155879602/ und http://hoersaal1lg.zzl.org/?p=583
Und wieder streiken die Studierenden. Was an sich nicht neu ist: schon zu meiner Studienzeit (ihr wisst sicher noch, der Große Streik von '97...) war die Studierendenschaft unruhig. Was seit Einführung des Bologna-Prozesses brodelt, das kocht gerade wieder einmal über.
(Naja, das ist nicht wirklich neu und passierte bei allen Spaß-Aktionen der letzten Jahre. Ich bin mal gespannt, ob diesmal nachhaltige Aktionen entstehen, die konkrete, umsetzbare Ziele verfolgen, statt pseudo-linken Dutschke-Recycling-Phrasen. Das wäre schon den Studies zu wünschen, den wo das hinführen kann, können wir ab morgen im Kino bestaunen. Es ist ja erstaunlich, wie sich ein gewisser Habitus/Jargon über Studierendengenerationen vererbt! Wird wahrscheinlich während dieser Ersti-Wochenenden der Fachschaftsrätevollversammlung - der Name spricht Bände - eingeübt, aber da war ich nie mit...)
Das ist vielleicht wirklich neu: Dank Internet sind die Studierenden viel besser miteinander vernetzt. Und es scheint, als ob es den Wienern gelingt, die Informationen über die Aktionen, auch über die in Deutschland, gut zu bündeln. Man darf gespannt sein, was sie nun mit den Infos machen... Das Wiki vom Sommer ist jedenfalls eher erbärmlich.
-Die Protestierenden werden so umfassend und von allen beteiligten Akteuren aus Politik und Hochschulleitung/Professorenschaft unterstützt, dass man sich fragt, wie es so weit kommen konnte und warum nicht längst etwas getan wurde.
(Okay. Auch das ist nicht ganz neu: schon 1997 haben uns einige Profs die Transparente schier in die Hand gedrückt, während andere mit glühenden Wangen und verklärtem Blick von '68 schwärmten: "24h-Vorlesung? Spaßstreik! Wir haben damals wenigstens Steine geschmissen!" -- Ja, schon 1997 war es schwer, eine Generation zu schockieren, die sich über den nackigen Haschkonsum im Schlamm eines Rockfestivals definierte... Es half eigentlich nur "Spießigkeit": vernünftige Vorschläge. -- Und schon 1997 hieß es von allen Seiten: "Ihr habt ja Recht - aber es ist doch kein Geld da!" - "Ach so", dachten wir, und gingen wieder studieren. Wenn halt kein Geld da ist... )
Das ist vielleicht wirklich neu: nach den Rettungspaketen für Banken und Abwrackprämien für die Automobil-Industrie lässt sich diese Protestgeneration möglicherweise nicht mehr so leicht abspeisen. Wir werden es erleben! Und ich plane eine kleine Auseinandersetzung mit den alten und neuen Forderungen in diesem Blog. Bleiben Sie dran!
An der Leuphana ist wieder ein Semester angebrochen. Mit dem dritten Jahrgang von Studierenden im Leuphana Bachelor ist das College jetzt erstmalig voll besetzt. Nächsten Sommer werden die ersten "Leuphanten" ihren ersten Abschluss machen. Ob er "berufsqualifizierend" sein wird - wie angeblich von einer namen- und gesichtslosen Einheit namens "Die Wirtschaft" gefordert - das werden wir wohl erst in zwei Jahren sehen. In Zeiten der Finanzkrise bekommen ja nicht mal qualifizierte und ach-so gesuchte Ingenieure sofort einen Job... aber wir wollen nicht Teufel an die Wand sprühen.
Wohl aber sollen die neuen Studies anderen dabei zusehen, wie sie Wände "beschmieren", wie es noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein beurteilt wurde. Noch vor wenigen Wochen, um genau zu sein, im Stadtrat von Lüneburg: auch dort gab es erregte Debatten um das ArTotale Projekt der diesjährigen Startwoche: 35 Street Artists bearbeiten ausgewählte und von der Stadt freigegebene Flächen in Lüneburg mit Sprühdosen, Collagen, pastings und was man als kreativer und etablierter Künstler der Urban Art Szene halt so an Techniken für hipp hält. 1200 Erstis filmen das Ganze und produzieren für die Youtube-Plattform 360 Filme, unterstützt von Filmstudenten und beurteilt von einer hochkarätigen Jury, die vom Berlinale Chef geleitet wird.
Nicht schlecht, da werden wieder ganz große Kaliber aufgefahren. Auch Ehrenprof. Daniel Libeskind äußert sich aus New York dazu: Was ist Kunst über auch? (Schließlich sind wir an einer Uni, es soll die gesamte Debatte um Street Art angerissen werden).
Und was sagt er also? What is art?
Ein Vogel also. Ein Flugzeug. Ein Meteor. What if we cannot answer it? Da macht er es sich leicht. Heavy freight. Oder sehr schwer. Ich glaube, er weiss es nicht. Lauter Gegenfragen. Sehr wissenschaftlich.
Hmm. Bin jedenfalls sehr gespannt, wie die Künstler die Stadt verändern. Und wieviele Trittbrettfahrer im Schweif des Meteors mitfahren... Auf jeden Fall ist es ein aufsehenerregendes und spannendes Event!
Offizielle Kunstprojekte der ArTotale sind (demnächst) hier zu finden:
Diesmal sollen es aber doch bis zu 100.000 gewesen sein, die auf die Straßen gegangen sind. Offenbar ist die Generation "Krise" doch noch nicht so frustriert/desillusioniert/gleichgültig wie ich manchmal glaube (und ja, ich zähle mich selbst zu dieser Generation hinzu).
Vielleicht sind aber auch die sogenannten Reformen bzw. Deformen inzwischen fast überall so absurd und destruktiv wie zur Zeit in Stuttgart, sodass sie sich nicht länger ignorieren lassen? Dort sollen 24 Professuren umgewidmet werden, und das betrifft sogar - Himmel bewahre - die BWL/VWL! Protest regt sich- ob's noch nützt ist unklar.
Wenn wir unser ökonomisches Zeitalter beim Wort nehmen wollten, so sollte doch die Nachfrage das Angebot regeln. Doch obwohl es eine große Nachfrage bei den Studierenden nach Geistes- und Sozialwissenschaften gibt, die zudem noch relativ wenig kosten (Personal in der Lehre/Forschung und ein paar Bücher, keinerlei teure Maschinen oder so), werden genau diese Fächer (trotz steigender Studierendenzahlen, ja sogar trotz nachgewiesen erfolgreicher Drittmittelacquise) demontiert für die Hoffnung, evtl. in einem ganz anderen Fachbereich möglicherweise vielleicht eine Exzellenz-Uni-Förderung zu bekommen. Da wird also der Spatz in der Hand gerupft -egal wie fett -,um vielleicht eine Taube mit bunteren Federn aufs Dach zu locken... Absurd!
Wenn man wenigstens das Gefühl hätte, es gäbe einen Masterplan, und sei er nur auf einzelne Bundesländer beschränkt. Aber dank akademischer Selbstbestimmung und politischer Inselförderung einzelner Fachbereiche versuchen ALLE Universitäten in denselben Gebieten miteinander zu konkurrieren. Und das sind eben häufig nicht die Gebiete, in denen die jeweilige Uni ihre Stärken hat. Die gute alte Diversifizierung zur Stärkung (Stichwort"Diversity") hingegen - topaktuell in "der Wirtschaft" (wer immer das sein mag) - wird ignoriert, genauso wie die Tatsache, dass die ach-so-wichtige und vielbeschworene Interdisziplinarität nur funktionieren kann, wenn man tatsächlich noch verschiedene- und ja auch - unterschiedliche Fachbereiche hat...
Zum Glück ist das in Lüneburg ein bisschen anders. Hier sieht man nach, was man hat und was man kann, und konzentriert sich auf die Stärken, statt schwache aber "exzellenzclusterrelevante" Fächer auf deibel-komm-raus aufzuputschen. Der Vorteil einer kleinen Provinzuni, die nichts beweisen muss. Sicher, man könnte sagen, die Schließung der Sozialpädagogik sei unnötig gewesen. Andererseits will das Land die Studienplätze für Sozpäd aufstocken, nur eben an den vorhandenen FHs. Hiergegen könnte man einwenden, dass FH eben Lehre, seltener Forschung bedeutet, Forschung aber an den Unis geschieht, die Lehre davon profitiert, und ergo universitäre Lehre/Forschung in der Sozpäd erhalten werden muss. Allerdings sind die Sozpäds an der Leuphana meines Wissens (vielleicht liege ich falsch) ein Erbe der Fusion mit der PH - und somit eben nicht besonders forschungsstark/"universitär". Das hieße wiederum, die Verlagerung der "Uni-Sozpäds" an die FHs ist 1. ehrlicher was die Studieninhalte/-formate angeht 2. im schlimmsten Fall für die Studierenden unbequem (weil sie vielleicht nicht mehr von Mamas Küche aus studieren, sondern - Himmel bewahre - den Wohnort für das Studium wechseln müssten 3. der positive Nebeneffekt: geringere Studierendenzahlen bei gleichbleibender Anzahl Lehrender = bessere Betreuungsratio. Und, liebe Lüneburger, ich mag nicht recht glauben, dass wegen 1800 Studierender weniger als zuvor die Kommune sofort zusammenbricht: sooo hoch kann die Zweitwohnsitzsteuer für Studierende gar nicht ausfallen, dass sich das im Lüneburger Einzelhandel bemerkbar machen würde. Als Mieter kann ich eine Entspannung beim Wohnwucher auch nur gutheißen. In diesem Sinne - sagen wir es in der Deutschen Version von Herrn Obama's Anhängern: Gradual CHANGE for most of us if we don't have to suffer the consequences! Yes we CAN maybe although I don't really have time to demonstrate cuz DSDS is on tonight...
Gestern, 23. Januar 2009, ging das (Leuphana) Semester zu Ende. Fulminant, mit einem heftigen Schneesturm. Unsere Erstsemester haben jetzt schon viel gelernt:
Wie man zwischen wichtigen und unwichtigen Veranstaltungen unterscheidet.
Dass man manchmal früh aufsteht und früh zu Bett geht, weil es vernünftig ist (und nicht weil es jemand anders vorschreibt).
Dass sie zwar keine Analphabeten sind, aber dennoch noch einmal völlig von vorne (analysierend) Lesen und (wissenschaftlich) Schreiben lernen müssen.
Dass die irreführende Bezeichnung Semester-"Ferien" keineswegs Urlaub verheißt: Hausarbeiten, Essays und eine Präsentation für die Studierenden-Konferenz Ende März stehen noch aus.
Vor allem aber -so hoffe ich - dass ein Studium - auch wenn der "workload" berechenbar sein soll mit 30 Stunden Arbeit pro Credit Point - eben kein Job wie jeder andere ist. (Zitat Jörg Draeger 2006). Zumindest nicht wie ein Verwaltungsjob im öffentlichen Dienst, mit geregelten Arbeitszeiten von 9-17 Uhr, und dann Feierabend, sechs Wochen bezahlter Urlaub und Weihnachtsgeld. Mehr wie einer dieser Jobs für junge ehrgeizige Juristen oder Unternehmensberater in einer Großkanzlei, die vor 20 Uhr nie das Büro verlassen, und wo ein 12-Stunden-Tag als Halbtagsjob gilt.
Und während ich einen weiteren Sonntagnachmittag meinem Studium widme - und, ich betone es, auch gerne widme - frage ich mich, ob ich jemals wieder so etwas wie Freizeit haben werde. Oder ob es immer einen neuen Vortrag zu halten, einen neuen Aufsatz zu recherchieren, ein neues Buch zu schreiben gilt. All das natürlich neben dem "Brotberuf".
Und ob das eigentlich gute oder schlechte Aussichten sind...
Den Auftakt der Ringvorlesung im interdisziplinären Modul "Wissenschaft macht Geschichte", Pflichtveranstaltung für alle Erstsemester im Leuphana Semester, machte gestern Prof. Jörn Rüsen (Witten-Herdecke; KWI). Er sprach über "Humanismus als Bildungskonzept-Glanz und Elend einer Idee"und setzte damit den inhaltlichen Tenor für das gesamte Semester.
Die Überlegung war ja gewesen, für welches historische Thema sich wohl alle Studienanfänger - vom zukünftigen Wasserbauingenieur bis zum Lehramtskandidaten, interessieren würden. Da sich die Uni in einer einzigartigen, und durchaus auch umstrittenen Umbruchsphase befindet, kam die Idee auf, diesen Umbruch - also die Neuausrichtung auf das Konzept des Leuphana Bachelor mit seinen humanistischen Bildungsidealen - wissenschaftlich zu begleiten und dabei kritisch zu hinterfragen. Die Vermutung lag nahe, dass die 1300 Erstsemesterstudierenden, die sich ja aktiv für diesen Studiengang an dieser Universität entschieden hatten, tatsächlich ein Interesse an Bildung haben könnten. Vor allem natürlich ihrer eigenen. Bei der Entscheidung FÜR das Leuphana Konzept hatten sie sich schließlich auch GEGEN andere Konzepte entschieden: den 08/15 Bachelor anderer Universitäten, eine FH-Ausbildung, ein Auslandstudium, eine Banklehre... Dieses Bild des typischen "Leuphanten" ist wahrscheinlich ziemlich idealisiert. Aber als jemand, an dem/der eine Universitätsreform ausprobiert wird, könnte man sich ja auch mal mit den historischen und geistesgeschichtlichen Hintergründen dieser Reform befassen.
Prof. Rüsen hielt also seinen Vortrag. Er hielt ihn nach einem stichworthaften Konzept, und er hielt ihn frei. Der Hörsaal 2 war gut gefüllt, fast 750 Studierende waren anwesend, die Vorlesung gilt als Pflichtveranstaltung, auch wenn die Anwesenheit natürlich nicht kontrolliert wird - Studierende sind erwachsenen Menschen - und das vermittelte Wissen nicht in einer Klausur abgefragt wird. Es soll später nur ein Essay geschrieben werden zur Frage "Was ist der Bildungsauftrag der Universität?", eine unbenotete Studienleistung, immerhin erforderlich um die 5 Credit Points zu erhalten.
Prof. Rüsen sprach frei, aber mit einer klaren Gliederung, ohne Medienunterstützung aber nachvollziehbar, teils geradezu mitreißend über ein komplexes geistesgeschichtliches Thema, das er wohlformuliert und routiniert in eine allgemeinverständliche Form brachte. Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schleiermacher, Schiller und immer wieder Kant wurden als Gewährsleute eingebracht. Ein wohlfundierter Überblick und solider Einstieg ins Semesterthema, immer wieder in Bezug gebracht zur heutigen Situation der Studierenden. 1808 wie 2008 wurde statt Bildung (auch der Persönlichkeit) die Vermittlung von "Kompetenzen" (neudeutsch: Employability) gefordert. Damals reagierte Humboldt mit der Gründung der Berliner Universität. Heute reagieren die meisten deutschen Hochschulen mit der Abwendung von deren Prinzipien. Nicht selten unter dem fadenscheinigen Vorwand, sich amerikanische Elite-Universitäten zum Vorbild zu nehmen - Harvard, Yale, Stanford würden das nicht gerne hören, ja von sich weisen, setzen sie doch das Humboldtsche Bildungsideal als bald letzte ihrer Art in der Praxis um.
Kurzum, ein hochinteressanter Vortrag, fand ich. Die Erstsemester fanden das wohl nicht. Vielleicht sind sie nur an der Leuphana, weil sie aus dem Großraum Lüneburg stammen und keine Lust auf ein Leben in der Fremde verspüren. Jedenfalls war der Geräuschpegel kontinuierlich hoch. Kurz nachdem die ersten Zu-Spät-Kommer sich endlich gesetzt hatten, fingen die ersten an, wieder zu gehen. Es wurde gekichert und geratscht, zum Teil zu dritt und über mehrere Reihen hinweg. Es war wahnsinnig schwierig sich zu konzentrieren - sowohl für die interessierten Zuhörer als auch für den Redner.
Vor allem aber war es unaussprechlich unhöflich und zeugte von mangelndem Respekt vor dem Sprecher. Unwichtig, dass er einer der renommiertesten deutschen Historiker ist: wenn einer vorne spricht, dann hören die anderen zu. Und zwar leise. Auch wenn es langweilig ist, dann bleibt man leise - es gibt unzählige Möglichkeiten sich ohne Getuschel zu beschäftigen: Zettel schreiben zum Beispiel. Oder Käsekästchen spielen. Ich kenne einen sehr renommierten Wissenschaftler von der Columbia University, der auf Konferenzen einen konzentriert-interessierten Eindruck hinterlässt, indem er Sudoku spielt. Aber verdammt noch mal: in jedem Fall hält man die Klappe und versucht zu schlafen, ohne zu schnarchen.
Okay, sagt man. Das sind alles Erstsemester. Die müssen bestimmte Kompetenzen, die im "Studierfähigkeitstest" nicht abgefragt werden, noch lernen: z. B. wie man 90 Minuten still sitzt, seine Blase und den Trieb nach Kaffee kontrolliert und zuhört, auch wenn keine bunten Bilder an die Wand projiziert werden. Oder wie man die wichtigsten Gedanken mitschreibt, statt sie von einer später ins Netz gestellten PowerPointFolie abzuschreiben - wenn überhaupt.
Andererseits: die sind alle über 18 - haben die wirklich nie gelernt, wie unhöflich ihr Verhalten ist? Liegt es daran, dass ihre Eltern die anti-autoritär erzogenen Kinder der 68er Generation sind? (sind sie das überhaupt?) Und vor allem, bin ich wirklich schon so alt und spießig, dass ich über die mangelnden Manieren "der Jugend von heute" stöhne, wohlwissend, dass über meine Jugendgeneration genauso gestöhnt wurde? Ohweh. Vielleicht wird es ja nächste Woche etwas besser. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.
Im Gegensatz zu dem, was andere Blogger so fordern, glaube ich, dass alte Zöpfe in regelmäßigen Abständen abgeschnitten werden sollten - nicht so sehr, weil eine neue Lebenssituation auch eine neue Frisur erfordert (obwohl das nicht zu leugnen ist), sondern weil die Haare Spliss entwickeln, fusselig werden, und ständig im Gesicht/Mund herumhängen, oder von Schals/Taschen eingeklemmt schlichtweg störend sind. Abschneiden hilft: man trägt den Kopf wieder höher, die Haare sehen gesünder und stärker aus, und bis zum Sommer kann man sie wieder hochstecken. Letzten Samstag ist dies wörtlich geschehen mit diesem Zopf - hier links im Bild. Alter Zopf, abgeschnitten
Ab morgen beginnt ein ähnlicher Prozess im übertragenen Sinne auch an der Leuphana: für die zweite Generation der Leuphana Bachelor Studierenden ("Leuphanten") beginnt die Vorlesungszeit mit einem Semester voller interdisziplinärer Pflichtverantaltungen. Auch für mich sehr aufregend, schließlich habe ich die letzten sieben Monate darauf hin gearbeitet. Ob es uns gelungen ist, mit der 2007 begonnenen Neuausrichtung alte Zöpfe abzuschneiden, und eine neue praktische, alltagstaugliche Frisur zu gestalten, wird sich zeigen. Auf jeden Fall haben wir uns Mühe gegeben.
Heute also Moodle. Wiederum führte uns Heike Wiesner in die Vorteile und Geheimnisse internetbasierter Lernumgebungen ein. Sie selbst benutzt seit Jahren Moodle, seit ihre StudentInnen vor Jahren in einem Seminar zu E-Learning herausgefunden haben, dass es vielseitiger einsetzbar sei als ILIASund ähnliche Konkurrenzprodukte. Seither scheint sich Moodle offenbar auch europaweit bzw. weltweit "Marktführer" unter den OpenSource Produkten durchzusetzen. Wir haben auch schon einen Moodle-Server in Betrieb, und so konnte ich mich letzte Woche schon davon überzeugen, dass eine E-Kurs in Moodle recht unkompliziert aufzusetzen ist. Schließlich fand die Schulung ja erst heute statt... Dennoch: um einige der komplexeren Grundeinstellungen zu begreifen, war die Schulung heute sehr aufschlussreich. Auch didaktische Konzepte wurden vorgestellt bzw. hinterfragt. Für alle E-Learning Einheiten gilt ja, dass sie didaktisch sinnvoll sein müssen. (ja. natürlich gilt das auch für offline Unterricht...). Nicht für jedes Lernziel ist die gleiche Übungs- oder Testform geeignet. Wie bei PowerPoint - es geht nicht um den Einsatz von, sondern den richtigen/sinnvollen/effizienten Einsatz von. Und das heisst in manchen Fällen eben auch: Verzicht auf... Noch was Gutes: offenbar wurde Moodle auch schon erfolgreich zur Planung/Koordination/Verwaltung von Konferenzen eingesetzt. Das sollte ich schnell prüfen, wenn aus unserer Tagung im März was werden soll.
Bleibt die Frage, wie man Anreize schafft, mehr Moodle-unterstützte Kurse in die Vorlesungsverzeichnisse zu bringen. Im Leuphana Semester klappt das ja schon ganz gut: alle drei interdisziplinären Module verwenden Moodle. Darüber hinaus wird es wohl an der Trägheit der Lehrenden scheitern. Schließlich erfordert die Neukonzeption aller etablierten Lehrinhalte vom Frontalunterricht auf Problem Based Learning Konzepte einigen Aufwand und auch eine mentale Umstellung. Auch muss man sich - ich unterstelle: häufig erstmals!- Gedanken um didaktische Ziele machen. Das ist neu, und war in den seltensten Fällen Teil der wissenschaftlichen Fach-Qualifikation, die der Berufung zugrunde lag. Und die Idee vom "lebenslangen Lernen" ist eben in großen Teilen der Professorenschaft noch nicht angekommen.
Schaumama, dann sehen wir schon. Vielleicht schafft ja die Nachfrage (der Studierenden) das Angebot (durch die Professorenschaft), ohne dass man Anreize schaffen muss.
Heute habe ich eine interessante Schulung mitgemacht: Heike Wiesner von Wiesner-Wiki berichtete über den Einsatz von Wikis im Unterricht. Technisch: wie erstellt oder "programmiert" man überhaupt ein Wiki? Das Prinzip "Wiki" kennt man ja am ehesten aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia: jeder kann an einem Artikel mitarbeiten, ihn verändern und verbessern, mit Quellen versehen oder mit anderen Artikeln verknüpfen. Und "programmieren" sollte eigentlich nicht in Anführungszeichen stehen, da es ja wirklich um echtes Programmieren geht. Die Gänsefüßchen sollen hier nur zum Ausdruck bringen, wie unerwartet einfach die Syntax von Wikis ist - in weniger als vier Stunden kann man alles, was nötig ist, beherrschen. Und auch sofort den Erfolg sehen. Laut Frau Wiesner ist dies eine Grundvoraussetzung dafür, dass auch Frauen sich mit der "feindlichen" Technik auseinandersetzen, ja sogar allen Vorurteilen zum Trotz Spaß an ihr finden. (Soll heißen: Frauen haben in der Regel weniger Interesse, sich mit Programmiersprachen herumzuärgern als Inhalte zu gestalten. Hat was mit Gendering zu tun.)
Inhaltlich: wann und wie ist der Einsatz von Wikis in der Lehre nicht nur sinnvoll, sondern sogar sinnvoller als der Verzicht darauf? Der Lernerfolg ist natürlich höher, wenn man selbst etwas erarbeitet hat. Zudem können Gruppen auch virtuell miteinander kommunizieren, ohne sich mühselig auf einen gemeinsamen Termin zu einigen. Riesen-Vorteil: der Anteil, den jede/r einzelne geleistet hat, kann über die "Versionen nachverfolgen"-Funktion genau überprüft werden - so kann auch innerhalb von Gruppen jede Einzelleistung gerecht benotet werden. Und die "stillen Macher" gehen nicht hinter charismatischeren Gruppenmitgliedern unter. Blockseminare lassen sich besser beaufsichtigen, Lernprozesse können besser nachvollzogen und (Gruppen-)Arbeiten dichter betreut werden. Eigentlich ziemlich cool, das internetbasierte Lernen... ob und wie ich das wohl in meinem Job anwenden kann? Morgen geht's weiter. Mit Moodle.
Dieser Artikel ist im weitesten Sinne ein Update zu: Web 2.0
http://www.wikimedia.de http://www.wikipedia.de http://www.heike-wiesner.de/wiki/index.php/Hauptseite Bildquelle: wikipedia
Yokatta und Juhu! Seit Freitag arbeite ich für die oben genannnte (und ja, das ist eine Satire, auch wenn die Ironie nicht ganz deutlich gekennzeichnet wurde) Universität. Leider bedeutet das eben auch den Abschied von Berlin. Immerhin: Meiner Traumstadt Hamburg komme ich immer näher. Wer mir helfen kann, eine Wohnung zu finden, möge sich melden - die Gehälter sind allerdings nach wie vor TVL... aber das sollte in der Heide ja reichen.